Warum ich meinen Bioladen mag!

Auf den ersten Blick ist es vermutlich nicht rational im Bioladen einzukaufen. Die Preise liegen je nach Produkt zwischen 10% und 100% höher als in anderen Läden. Die meisten Grundnahrungsmittel sind qualitativ vermutlich kaum zu unterscheiden. Es gibt auch Studien die bis auf Pestizidrückstände und ggf. Natrium keinen nennenswerten Unterschied feststellen. Dafür gibt es ziemlich viel Esoterik. Als Produkt und in verschiedenen Produkten und insb. auch in der Herstellung selbiger („nur bei Mondschein anpflanzen“,…). Besonders absurd wird es, wenn „böse“ Bestandteile (z.B. Mononatriumglutamat aka Maggie-Würze) durch noch schlimmere Bestandteile (z.B. Hefe-Extrakt) ersetzt werden. – In den Skeptikerkreisen in denen ich mich tummel, findet sich daher auch viel Spott über Bioläden.

Trotzdem mag ich meinen Bioladen. Ich kaufe oft (meistens) dort ein. Und ich halte mein Verhalten für logisch und rational. Und mich nervt der pauschalisierte Spot über Bioläden (auch wenn er nicht ohne Grund ist. s.o.). Hier sind meine Gründe, warum ich meinen Bioladen mag:

  1. Die Qualität der frischen Lebensmittel ist besser. – Der Grund ist hier nicht, dass die Lebensmittel per se besser sind, sondern dass das Management des Ladens einfach besser ist. Zum Vergleich: In dem Marktkauf direkt neben meiner Wohnung (der inzwischen nicht mehr existiert) hatte ich bei 4 von 10 Obst und Gemüse-Einkäufen etwas Vergammeltes erwischt (oft von Aussen nicht zu sehen). In meinem Bioladen hatte ich keine 4 mal was Vergammeltes in 10 Jahren. Ich glaube auch nicht, dass dies Zufall ist. Sondern ein Bioladen wird vorwiegend an der Qualität gemessen und kann es sich nicht leisten hier schlecht abzuschneiden. Dementsprechend wird auch mehr drauf geachtet.
  2. Es gibt nur den guten Teil der Lebensmittel – insb. beim Fleisch. – Ich esse selten Fleisch. Aber wenn, dann will ich auch eine gute Qualität haben. Die bekomme ich auch in einem anderen Supermarkt. Nur ist sie versteckt in viel Billig-Schrott. Es besteht schlicht und einfach die Gefahr, dass ich aus Versehen Schrott einkaufe. Das kann mir in meinem Biosupermarkt nicht passieren. Egal was ich dort bisher an Fleisch gekauft habe, es war immer in bester Qualität und schrumpft beim Braten nicht auf die Hälfte zusammen (wie es mir bei anderem Fleisch schon passiert ist). Ja das hat seinen Preis.
  3. Für einen Single ist es kaum ein Preisunterschied. – Warum das? Ganz einfach: Ich bekomme (und kaufe) Mengen die für mich angepasst sind. Ich brauche keine 2 Kilo Karotten. Wenn ich die kaufe, wird mir 2/3 davon schlecht. Und genau das ist mir mehrfach bei Aldi&Co. passiert. Ausnahme ist Fleisch und einige Spezialprodukte. Aber die Mehrkosten der normalen Dinge (Eier, Milch, Brot, Gemüse, Obst) werden fast komplett durch den geringeren Abfall und die teilweise längere Haltbarkeit kompensiert. (Letzteres ist insb. bei Brot deutlich zu spüren. Mit Brot vom Beck (der regionalen Großbäckerei) kann ich oft nach 2 Tagen einen Nagel einschlagen. Das Biobrot hält locker 10 Tage). – Hätte ich mehr als eine Person zu versorgen, würde ich jedoch sicher häufiger auch Dinge bei anderen Läden einkaufen.
  4. Ich bekomme Dinge die ich sonst nicht bekomme. Lila Süsskartoffeln? Gelbe etwas saurere Tomaten? Kurkuma-Wurzeln? Kleine, aber geschmacklich interessante Kartoffelsorten? – Immer wieder tauchen ungewöhnliche Gemüsearten im Regal auf. Meist nur für kurze Zeit. Und das macht mir Spass. Ich kann ausprobieren. In den großen Supermarkt-Ketten suche ich solche Dinge meist umsonst.
  5. Es ist entspannt und familiär. Mein Stammladen ist recht klein und man kennt sich einfach recht schnell. Das flüchtige Gespräch zwischendurch. Das Lächeln, wenn man sich begrüsst. Auch das Vertrauen „Wieviele Flaschen Leergut hatten Sie denn dabei?“. Die Mitarbeiterinnen wirken meist deutlich entspannter als in anderen Läden. Es ist einfach eine angenehme Athmosphäre. Und die hat auch einen Einfluss auf mein Wohlbefinden. Ich kaufe nicht nur den Inhalt, sondern eben auch ein Stück Einkaufserlebnis mit.
  6. Biologische Landwirtschaft ist wichtig. Mit Sicherheit löst sie nicht alle Probleme. Auch können wir auf absehbare Zeit nicht auf die industrielle Landwirtschaft verzichten (zumal der Übergang zwischen beidem fliessend ist). Was wir jedoch brauchen sind zwei Aspekte: a) Ein ressourcenschonender Umgang (insb. in Bezug auf Wasser- und Boden). Und b) eine Landwirtschaft die Ertrag pro Fläche statt Ertrag pro Kapital optimiert (der Unterschied liegt insb. in der eingesetzten Arbeitskraft). Beides wird tentendiell eher von biologischer Landwirtschaft unterstützt. (Die Bio-Siegel sind ja eher fragwürdig, und nicht alles wo Bio drauf steht, taugt auch was. Man muss eigentlich genauer hinschauen, was wiederum aber eher von den Bioläden als von den Discountern, die auch Bio anbieten, gemacht wird)
  7. Werbung und Datenspionagekarten. Jedesmal wenn im Marktkauf die immergleiche Werbung rumdudelt, bin ich kurz davor jemand zu erwürgen. Ich finde diese nervige Beschallung als Beleidigung. Ich kann mich dagegen nicht wehren. Und an der Kasse werde ich jedesmal gefragt ob ich eine Datenspionagekarte („Deutschlandkarte“) habe und ob ich denn nicht eine wolle. Nein will ich nicht. Ich will auch nicht gefragt werden. Und von allen Gründen ist dieser Punkt für mich der wichtigste, so selten wie es irgendwie nur geht in Marktkauf und Co. zu gehen. Ich will einkaufen. Und nicht dafür Geld ausgeben, belästigt zu werden.

Kurz und gut: Ich bin froh meinen Bio-Laden zu haben. Ich kann ihn mir zum Glück leisten (wie oben geschrieben, ist das aber als Single auch nicht wirklich schwer). Und man kann von Bio-Produkten halten was man will: Meine Lebensqualität wird durch den Laden deutlich gesteigert. Wenn also das nächste mal jemand aus meinem Umfeld sich über Bio lustig machen will: Bitte bleiben lassen.

ASQ_Head

Die ASQ-Methode zur Aufgaben-Priorisierung

tl;dr; Die ASQ-Methode stellt eine Alternative zum klassischen Dot-Voting dar. DaASQdurch dass A_ktive, S_upporter und Q_uiet unterschieden werden, kann man selektieren, für welche Aufgaben sich genug Leute finden, die auch aktiv daran mitarbeiten.

Immer wieder bin ich in Workshops in denen es darum geht Aufgaben, Ziele, Themen oder was auch immer zu priorisieren. Während es für Ideenfindung und Diskussion zahlreiche Formate zur Auswahl gibt, wird die Priorisierung fast immer durch ein Dot-Voting durchgeführt (also dem Kleben einer vorher festgelegten Anzahl an Punkten). Irgendwann kam ich mal auf die Idee stattdessen eine Methode zu verwenden die ich mit einem Freund vor Urzeiten zur Analyse sozialer Situationen entwickelt habe: das ASQ-Modell. Nachdem ich es in letzter Zeit häufiger als Methode einsetze und es gerade in der agilen Community gut ankommt, möchte ich die Methode hier dokumentieren und so vielleicht dem ein oder anderen zugänglich machen.

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Die neuen Liberalen

Den politisch Interessierten in meinem Umfeld dürfte es nicht engangen sein, dass sich gerade eine neue Partei in Deutschland bildet. Ich möchte mich mit der Partei ein wenig auseinandersetzen.

Die Fakten

Vorwiegend aus ehemaligen FDPler, die trotz der Krise keine Chance auf eine Abweichung vom neoliberalen Crashkurs der FDP sehen, sowie einigen (Ex-)Piraten und anderen hat sich gestern der Gründungsvorstand der neuen Lieberalen zusammengefunden. In zwei Wochen soll dann die eigentliche Gründung erfolgen.

Das Grundsatzprogramm sieht schonmal sehr vielversprechend aus und betont den sozialen Aspekt ohne die liberalen Grundideen aufzugeben. Auch die Satzung ist zumindest auf den ersten Blick brauchbar. Neu ist vor allem die Form des Teil-Deligiertensystems und dezentrale Satelliten-Parteitage. Zudem sind Gastmitgliedschaften und Doppelmitgliedschaften möglich.

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Die Schutzbürger

Diese Woche sagte eine Kollegin zu mir. : „Wir sollten nie aufhören zu meckern. Das ist der Grund warum es uns noch besser geht als den Arbeitern in China.“ (Nicht wörtlich, aber sinngemäß). Ich glaube sie hat recht. Deutsche sind miesepetrig, meckern gerne und werden aufmüpfig, wenn sie das Gefühl haben irgendwas von ihren Privilegien zu verlieren. An vielen Stellen mögen diese Eigenschaften auch den Fortschritt behindern, aber es sind auch schützende Eigenschaften.

Die neoliberale Maxime versucht unter anderem alles um den Faktor Arbeit so billig wie möglich zu machen. So Dinge wie Angestelltenrechte, Umweltschutzrechte und Lohnniveaus stören dabei vorwiegend. Doch trotz zahlreicher Angriffe, angefangen von Hartz 4 über die Leiharbeit bis hin zur Schwächung der Gewerkschaften sind wir verglichen mit anderen Ländern wie der USA oder China immernoch auf einem recht erträglichen Niveau. Das was uns schützt und den Abbau bremst sind die Meckerer. Das sind die, die sich einen Abbau nicht gefallen lassen. Das sind diejenigen, die auf die Strasse gehen und Protestieren. Oder sich gleich persönlich bei den Abgeordneten vorstellen. Das sind die, die einen Protest im Unternehmen beginnen. Und es sind diejenigen, die sich organisieren, so dass sich manche Firma nicht traut ihr Mitarbeiter komplett mies zu behandeln. Es sind diejenigen, die vor Schröder die SPD gewählt haben und dies heute trotz Parteibuch nicht mehr tun. Kurz: Es sind die Schutzbürger.

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Go West – Life is warfare there

Den Hit Go West kennt jeder. Was vielleicht nicht jedem Bewusst ist, ist dass die Melodie sehr stark an die Sowjetische Nationalhymne angelehnt ist. Die bekannte Version des Liedes ist Anfang der 90er Jahre von den Pet Shop Boys veröffentlicht worden. Es war eine Zeit in der der kalte Krieg vorüber schien, der Osten sich geöffnet hat und Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Frieden und soziale Marktwirtschaft sich auszubreiten schienen. Die Zahl der Konflikte zwischen Staaten schien abzunehmen. Es war eine gute Zeit. Doch seit dem ist viel passiert und die Zeiten haben sich geändert. Und das brachte mich dazu den Text von Go West etwas zu aktualisieren:

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Ich bin nicht besser als 98% von euch!

Man setzt sich entspannt in das Ruheabteil des ICE und will sich entspannen und dann quatscht dieser Idiot 2 Reihen vor einem die ganze Zeit unglaublich laut von Belanglosigkeiten. Weder auf ein Blick noch auf ein Hüsteln reagiert er. Völlig genervt spreche ich ihn dann nach 30 Minuten an und endlich ist er halbwegs ruhig. Kommt jemand diese Szene so in etwa bekannt vor? Oder wie wäre es mit dem Autofahrer der es offensichtlich eilig hat und drängelt, einem die Vorfahrt nimmt oder einen gewagt überholt. Oder die ganzen Deppen die Müll einfach so auf die Strasse werfen. Die ihr Auto völlig unmöglich parken. Die sich ungefragt in Gespräche einmischen. Die sich völlig Rücksichtslos gegenüber der Umwelt verhalten.

Kennt ihr das? Kennt ihr diese Gedanken, dass die Welt vorwiegend von Idioten bevölkert ist? Dieses unbewusste Gefühl, dass man selber eigentlich viel besser ist. Und wenn alle so wären wie man selbst, dann würde es viel weniger Probleme geben. Wenn ihr das kennt, dann ist dieser Artikel für euch geschrieben. Ich kenne diese Gefühl. Und ich kenne auch die Szenen von oben, wie z.B. die aus dem ICE. Und dummerweise habe ich da noch eine Erkentnis, die sicher viele vor mir hatten, aber vielleicht nicht jeder bisher gemacht hat: Die Person die laut redet, die drängelt und die sich unmöglich verhält, ist jeder von uns. Einer dieser Deppen bin ich selbst.

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Respekt

GlenGreenwald auf dem 30C3

GlenGreenwald auf dem 30C3

Nachdem in letzter Zeit immer mal wieder der Begriff „Respekt“ für gewisse Handlungen an mir vorbei kam, den ich in dem jeweiligen Kontext nicht verstehen konnte, habe ich angefangen mir darüber Gedanken zu machen wovor ich eigentlich Respekt habe.

Dazu ist mir der Vortrag des ehemaligen Datenschutzbeauftragten der Bundesregierung Peter Schaar auf dem 30C3 im Kopf, wo er irgendwo* sinngemäßg sagte „Ich habe doch nur meinen Job gemacht!“ – Genau das ist eine der Dinge vor denen ich Respekt habe. Wenn Menschen ihren Job gut machen und das über Jahre hinweg. Insbesondere wenn sie dies trotz schwieriger Umstände und unter dem Risiko persönlicher Nachteile tun. Es können alle Arten von Jobs sein um die es geht. Egal ob es eine Rettungsassistenz ist, die immer wieder bei akuten Risikosituationen kühlen Kopf bewahren muss und auch damit zurecht kommen, dass die Rettung nicht immer erfolgreich ist. Oder ob es das Office-Management ist, dass schnell und zuverlässig alle Buchung erledigt. Auch ein DB-Schaffner der trotz gewollter Inkompetenz seines Arbeitgebers freundlich bleibt und auch an der richtigen Stelle mal ein Auge zudrückt. Besonders wichtig ist die Fähigkeit einfach nur den Job gut zu machen im politischen Kontext – und leider besonders deutlich fällt mir hier die Diskrepanz bei einigen stellen auf.

Desweiteren habe ich Respekt vor Expertise, also die Fähigkeit Zusammenhänge erkennen und erläutern zu können, wo andere es nicht konnten. Weiterlesen